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Im Glutkern des Glaubens

Fragen an den politischen Theologen Tiemo Rainer Peters

von Hartmut Meesmann (Publik-Forum)

Publik-Forum: Herr Peters, teilen Sie den Eindruck, dass es um die politische Theologie inzwischen doch eher still geworden ist, in der Gesellschaft genauso wie in der Kirche?

Tiemo Rainer Peters: Der Eindruck trifft zu. Aber es ist um die Theologie insgesamt still geworden.

Publik-Forum: Hat die politische Theologie an Einfluss verloren?

Peters: Eine Reihe von Einsichten der politischen Theologie sind inzwischen angekommen und in die allgemeine Theologie eingeflossen: die große Bedeutung der Erinnerung an die unschuldig Leidenden, das Ernstnehmen der Solidarität, die Auseinandersetzung mit Auschwitz.

Publik-Forum: In der Breite des Kirchenvolkes hat die politische Theologie jedenfalls kaum Resonanz gefunden.

Peters: Das ist ein altes Problem dieser Theologie: Sie lebt vor allem in den Köpfen kritischer Intellektueller. Sie ist nicht wirklich an der Kirchenbasis präsent. Das hat auch damit zu tun, dass die Theologie von Metz am Anfang sehr akademisch war. Seine Theologie fand dann allerdings in verständlicher Form Eingang in das Dokument der Würzburger Synode »Unsere Hoffnung«. Nur leider ist vieles von dem, was in diesem Dokument ausgesagt wird (zum Beispiel zu Israel und zum Völkermord an den Juden) im Bewusstsein der Menschen in der Kirche nicht wirklich aufgenommen worden. Man kann den Kirchengemeinden den Vorwurf nicht ersparen, solche Themen abgeblockt zu haben.

Publik-Forum: In welchen Streitfragen sieht sich die politische Theologie derzeit am meisten herausgefordert?

Peters: Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen, wie sie derzeit vor allem in der Bioethik auftaucht, fordert uns besonders heraus. Bei der Verteidigung des Menschen ist die politische Theologie fast schon traditionalistisch. Sie erinnert daran, dass hier nicht beliebig manipuliert werden darf. Aber es geht der politischen Theologie vor allem auch darum, die Welt der Armut und des Leidens als Orte der Theologie ins Bewusstsein zu heben. Wir dürfen uns in der Kirche nicht von diesen eher unbequemen Themen verabschieden.

Publik-Forum: Konjunktur hat heute eher eine psychologisch unterfütterte, mystisch-spirituelle Theologie.

Peters: Ja. Die Auseinandersetzung mit der psychologisch orientierten Theologie wäre sehr wichtig, zum Beispiel mit Leuten wie Eugen Drewermann oder Anselm Grün. Wir haben dieses Gespräch einmal begonnen und dann leider abgebrochen. Wir müssten es wieder aufnehmen.

Publik-Forum: Was zum Beispiel gefällt Ihnen nicht an der Theologie des Benediktinerpaters Anselm Grün?

Peters: Dass sie den christlichen Glauben zunehmend der psychologischen Weltsicht unterzuordnen scheint und sich den Interessen des Esoterikmarktes unterwirft.

Publik-Forum: Aber es gibt heute einen großen Hunger nach Mystik und Spiritualität!

Peters: Auch die politische Theologie hält am »Glutkern« des Glaubens fest,
der nicht mehr analysierbar und diskutierbar ist. Es sind doch Leute wie Johann Baptist Metz und auch Dorothee Sölle gewesen, die auf Grund ihrer politisch-theologischen Grundhaltung die mystische Spiritualität entdeckt und eingeklagt haben. Sie haben gesehen, dass Theologie einseitig und falsch wird, wenn sie sich nur politisch artikuliert. Genauso einseitig und falsch aber ist die Wendung nach innen, wenn sie nicht zugleich auch politisch ist. Über Mystik und Spiritualität muss man die politische Theologie nun wahrlich nicht aufklären.

(Tiemo Rainer Peters lehrt als Akademischer Rat am Seminar für Fundamentaltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster)

Hartmut Meesmann

Aus: Publik-Forum, 25.10.2003
Quelle: http://www.publik-forum.de/aktuell/SUB_AKT3.HTM

 

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